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Atlantic Rally for Cruisers 2008 - 3. Woche auf See8. Dezember 2008Es wird eine aktive Nacht. Der Wind nimmt mit dunklen aufziehenden Wolken auf einen böigen Starkwind, N 5-6 zu. Das nächste Manöver steht an: unter der Decksbeleuchtung holen wir den Spinnaker ein, rollen die Genua aus, schlagen das Spi-Geschirr ab, binden das 1. Reff ins Groß, packen den Spinnaker und verstauen den Segelsack. Eine Stunde später ist der Himmel wieder klar, der Wind dreht erneut rechts und nimmt auf NE 3-4 ab. Wir reffen aus, bereiten den 'Obelix' wieder zum Setzen vor und heißen den Spi in der Leeabdeckung der Genua auf. In schneller Fahrt jagen wir durch die Sternennacht bis nach wiederum einer Stunde die nächste dunkle Wolkenfront eine Zunahme und Rechtsdrehen des Windes mit sich bringen. Das vorgenannte Procedere wiederholt sich - alle Handgriffe der Charisma-Crew gehen nahtlos ineinander über. Das Team ist bereits vor den Kommandos auf ihren Posten - die Sequenzen laufen reibungslos. Die Charisma segelt bei E-NE 5-6 in zunehmender See unter ausgebaumter Genua und mit durch Bullentalje gesicherten Großsegel in die Morgendämmerung und in den Tag. Das Etmal am Tag 15: 185 sm. Der Wind stabilisiert sich auf NE 4-5. Wir setzen aufgrund des Seegangs den Starkwind-Spinnaker 'Fighter'. Mit dieser Segelstellung können wir die durch den Seegang bedingten Überholbewegungen der Yacht noch gut kontrollieren. Am Nachmittag nehmen die Passatwinde auf NE 5-6 zu - die Charisma prischt durch die Weite des Atlantischen Ozeans. Hartmut fängt am Nachmittag einen Thunfisch, nachdem zuvor bereits jagende Seevögel auf Fischschwärme schließen ließen. Zwei Fische haben sich bereits vom Köder losgerissen, innerhalb kürzester Zeit ist jedoch der dritte Fisch am Haken - ein Prachtexemplar von einem Thunfisch. Mit dem An-Bord-Hieven verabreichen wir ihm einen spanischen Weinbrand und einen Schlag auf dem Kopf. Nach den obligaten Fotos beginnt die Prozedur des Ausnehmens, Filetierens und Einlegens. Die Basis eines exzellenten Abendessens ist gegeben. Fredi bereitet den Fisch mit einer apparten Weißweinsoße zu - ein köstliches Dinner im Cockpit in angenehmer Stimmung des späten Nachmittages auf hoher See. In rasanter Geschwindigkeit segeln wir unter unserem Starkwind-Spinnaker und Großsegel in die nächste Nacht, die mittlerweile in ihrer ersten Hälfte durch den zunehmenden Mond eine hohe Intensität des Lichts mit sich bringt. 9. Dezember 2008 In der Nacht beginnt es böig zu werden, wiederum bei entsprechender Zunahme des Wellenbildes. Wir bergen den Spinnaker, rollen das Vorsegel aus und segeln bei den frischen NE-Passatwinden auf Backbordbug Kurs 275° über Grund, so dass die Genua beim raumen Wind noch gut steht. Im weiteren Verlauf weht der Passat stramm mit 6 Beaufort aus NE. Wir schiften die Genua auf Steuerbord und baumen sie aus. Zudem binden wir das erste Reff ins Großsegel, um den Segeldruckpunkt weiter nach vorne zu verlagern. Wir können die Yacht mit dieser Segelkonstellation nun gut vor dem Wind halten mit leicht räumlichen Windeinfall von Steuerbord achtern. Noch vor der Morgendämmerung schiften wir die Genua wieder zurück auf Backbordbug und binden zudem das zweite Reff ins Großsegel, da die Überholbewegungen der Yacht bei den sich aufbauenden Wellen sonst zu groß werden. Entsprechend entlasten wir den Ruderdruck. In schneller Fahrt segeln wir bei konzentrierten Steuerleistungen dem Tageslicht entgegen. Das Etmal am Tag 16: 200 sm. Der Einsatz der Crew wird mit dem bislang besten Etmal bei dieser ARC 2008 belohnt. Weiter so Männers! Im Verlauf des Nachmittages schütten wir bei sich langsam etwas beruhigenden Passatwinden die Reffs aus. In der Stimmung des orange leuchtenden Abendhimmels kommt wieder unser feuerroter Starkwind-Spinnaker 'Fighter' zum Einsatz. Das Wellenbild läuft nun harmonisch mit uns und führt bei diesen frischen bis starken NE-Passat zu rasanten Geschwindigkeiten. Durch die optimale Segelstellung liegt das fein justierte Ruder bei aufmerksamen Steuerleistungen leicht in der Hand. In schönster Atmosphäre rauschen wir durch die vom Mondschein erhellte Nacht. Delfine begleiten uns durch den weiten Nordatlantischen Ozean... 10. Dezember 2008 In der Nacht weht es mit NE 5-6 mit frischen, angenehmen Passatwinden. Mit der Zunahme an Böen und Seegang binden wir das 1. Reff ins Großsegel, um den Segeldruckpunkt weiter nach vorne zu verlagern. Speziell beim Kurzkieler kann dadurch die Kraft der Hebelwirkung reduziert werden und der Rudergänger hat es leichter die Luvkomponenten von Windböen sowie von achtern schräg unter das Heck drückenden Wellen auszugleichen. Durch die kontinuierliche Leistung der Crew ersegeln wir erneut eine sehr gute Strecke über die vergangenen 24 Stunden. Das Etmal am Tag 17: 190 sm. Im Verlauf des Tages lässt der Wind nach, entsprechend wird das Wellenbild ruhiger. Wir vollziehen einen Spinnakerwechsel vom 'Fighter', dem nun die für seinen Schnitt benötigte Windenergie fehlt, hin zum 'Obelix', der als Leichtwindspinnaker mit seinem breiteren Riss variabler die Winde aufnehmen kann und dennoch in der Lage ist stärkere Böen zu kompensieren - alles aufmerksame Steuerleistungen und ordentliche Segeltrimm vorausgesetzt, eben gute Seemannschaft. Das Charisma-Team ARC 2008 sendet all 'Friends of Charisma' eine siebte Grußbotschaft: an Bord SY Charisma GER 5625, 10.12.08 Pos. Atlantik 14,3 °Nord 55,3°West Wind ENE 3, Bew. 18-tel, heiß An alle unsere Frauen, Kinder, Eltern, Verwandte und Freunde! Endspurtstimmung auf unserer SY Charisma. Nur noch 300 sm zum Ziel! Was der Druchschnittsstrecke eines Sommerurlaub-Segeltörns, oder der geforderten Segelpraxis für einen Sportküstensegelschein entspricht; ist für uns nur noch ein Katzensprung. Es wurde bereits daran gedacht, unser Boot von allem unnötigen Ballast zu befreien; aber, wir wollen nicht übermütig werden, noch sind wir nicht im Ziel. Also bleiben auch die ungeliebten spanischen Weihnachtskekse als letzte Reserve noch an Bord. Die vergangenen 3 Tage lief es für uns ausgesprochen gut. Segelbedingungen im Passatwindgürtel vom Feinsten, helle Mondnächte mit rauschender Fahrt und Spi sorgten für Etmale knapp unter 200 sm. Beim Blick auf die im Salon ausliegende Übersichtsseekarte liest man Namen, die jeden von uns an irgendetwas erinnern: Vorgestern hatten wir die Amazonas Mündung Backbord querab, allerdings 600 sm. Und woran denken die Jungs wohl beim Namen Brasilien, ja richtig: an Samba tanzende kaffebraune Supergirls (die haben nach 3 Wochen aber auch nichts anderes mehr im Kopf). Gestern passierten wir Französisch Guyana und wir dachten an den Steve Mc Queen, der im weltbekannten Streifen "Papillon" ebenso unter der Sonne geschwitzt hat wie wir. Und heute passieren wir das Ländchen Surinam,. Dort ist der Vater von unserem Peter in Paramaribo geboren; so dicht wie heute war Peter noch nie auf den Spuren seines Ursprungs, lediglich 480 sm Backbord querab. Und so wird es weiter gehen. Karibik wir kommen und zwar auf ganz traditioneller Weise und in friedlicher Absicht (wir sind keine Seeräuber, aber aber). Vorgestern haben wir unseren bislang größten Fang an Bord geholt; einen Thunfisch wie im Bilderbuch, ca. 5 kg Frischfisch, der zum Abendessen als Thunfischsteaks zubereitet wurde. Die Bordroutine, die Manöver und das Boot haben in den vergangenen 3 Wochen aus den 8 sich einst fremden Männern ein schlagkräftiges Team herausgeschält, dass allen Herausforderungen stand gehalten hat. Bereits das ist schon ein Sieg für jeden von uns. Eine solche Reise ohne Stress, ohne Probleme ohne jegliche Nörgelei unter ständiger Schaukelei mit Einbußen an Komfort und Freiraum erfolgreich durchzuführen ist in erster Linie der Verdienst unseres professionellen Skippers, der für jeden von uns in den Mast klettert, wenn es sein muß, um die Dinge wieder zu richten. Wer beim Lesen unserer vergangenen Schilderungen den heimlichen Wunsch verspürte, selbst einmal an einem derartigen Abenteuer teil zu nehmen, der möge sich sputen, bevor der "Lehm, aus dem er gemacht wurde, zu spröde und trocken" geworden ist, wie Goethe seinem Freund einst schrieb. Denn hier auf See ist ein gehöriges Maß an Körperbeherrrschung schon erforderlich, will man nicht von einer Seite zur anderne geworfen werden. Wie weit sich diese Beherrschung nach Ankunft in St. Lucia auch an Land aufrecht erhalten läßt, werden wir sehen. Gegenwärtig sind die einst so hoch gesteckten Traumwünsche nach" braunen, hüftschwingenden Schönheiten" kulinarischen , dafür aber realisierbaren und bezahlbaren Träumen gewichen. Ganz hoch im Kurs steht gegenwärtig ein gegrillter Lobster mit unendlich viel gekühlten Getränken und einer Frischwasserdusche. Michael, ein Mann mit St. Lucia Erfahrung hat durch seine Erfahrungsberichte alle weiteren Gedanken an ein ausschweifendes Leben an Land bereits im Keim erstickt (die sind alle dick), ah, ah. Der hat gut Reden; seine Frau ist ja bereits da und erwartet uns mit einer Flasche Sekt. Aktuelle Hochrechnung für den Zieleinlauf: Freitag den 12.12.08 um die Mittagszeit, Bordzeit UTC, wenn der Wind so durchsteht! Wir sind alle wohlauf, die Stimmung ist wie immer sehr gut Eure Männer, Väter, Söhne und Freunde Constantin, Matthias, Jens, Fredi, Michael, André, Peter und Hartmut. Die Atmosphäre auf See zieht die Crew in ihren Bann - speziell beim Übergang des Spätnachmittages in den Abend versammelt sich die Crew regelmäßig und vollzählig im Cockpit um diese Faszination gemeinsam zu erleben. Wie immer in diesen Phasen kommt etwas Wehmut auf, dass dieses mit dem bevorstehenden Zieleinlauf bald vorbei ist. Überwiegen tut dann aber doch die Vorfreude auf den bevorstehenden Landfall verbunden mit all dem, worauf man sich freut. 11. Dezember 2008 Wir freuen uns aber auch auf die Nachtschläge. Die Hitze des Tages weicht der angenehmen Kühle der Nacht ohne dass es dabei kalt wäre. Es bleibt auch mitnichten Zeit zum Frieren, denn die nächsten Böen rütteln am Rigg und lassen die Halsschlagadern des Rudergängers hervortreten. Mit Aufzug einer dunklen Wolkenfront erreicht uns erst der zweite Squall auf der diesjährigen Atlantiküberquerung. Es ist Zeit den Spinnaker einzuholen. Die dafür notwendigen Handgriffe des Charisma-Teams gehen nahtlos ineinander über - innerhalb kürzester Zeit sind 180 qm Tuch sicher und kontrolliert geborgen. Wir segeln stattdessen weiter unter Genua, bis die Ausläufer der Wolkenfront sich verflüchtigt haben. Wir heißen erneut den Spinnaker auf. Es wird jedoch erneut böig und die Yacht lässt sich nur noch mit einem Höchstmaß an Erfahrung und Konzentration auf Kurs halten. Wir bergen erneut den Spinnaker und baumen stattdessen die Genua aus. Die Crew fragt sich mittlerweile, wer hier eigentlich Wache und wer Freiwache hat! Aber dafür ist ja schließlich der Skipper da, diese Fragen gar nicht erst aufkommen zu lassen... Die Manöver des Charisma ARC Teams 2008 jedenfalls klappen vom Feinsten - das nächste Mal kann ich meine Jungs mit einem Stiefelsack über'n Kopf an die Front schicken... Die Swan jagt durch den vom Mondschein erhellten Nordatlantischen Ozean. Zum wiederholten Male nutzen und interpretieren wir die US Gribdaten, die vom amerikanischen Wetterdienst zur freien Nutzung angeboten werden. Vom Charisma Back-Office Volker Rengstorf, www.provini.de werden die Wetterdaten vom Internet heruntergeladen, für das uns relevante Seegebiet skaliert und uns als E-Mail in der Datenmenge zugesandt, die wir mit der vom Pactor-Modem gestützten Kurzwellen-Funkanlage empfangen können. Wir sind auf einem guten Weg - nicht nur was die professionelle Nutzung der Wetterdaten angeht. Auch das Backup des Global Positioning Systems, die Astronavigation funktioniert einwandfrei. Nachdem wir am Vorabend bereits die Höhenwinkel von der Venus und den Mondunterrand mit dem Sextanten ermittelt haben, messe ich um 07:07 UTC den Nordstern (Polaris), der in der fünfachen Verlängerung des Sternenbildes des Großen Bären zu erkennen ist. Dabei ermöglicht der untergehende Mond im Nachthimmel (ca. 3 Uhr morgens Ortszeit) die Sicht der Kimm mit Blick nach Norden. Der gemessene Höhenwinkel des Nordsterns entspricht im Wesentlichen unserem Breitenparallel. Nach Anbringen der über das Nautische Jahrbuch herauszulesenden Korrekturwerte, angefangen beim Frühlingspunkt bis hin zum Ortsstundenwinkel (die GPS-gekoppelte Länge liegt bei 057°21'W) sowie den marginalen Berichtigungen ergibt sich mit der beschickten Messung des Sextanten eine beobachtete Breite von 14°42'N, die lediglich 4 sm nördlich von den Werten unseres Bord-GPS liegt. Es ist eine schöne Bestätigung der Astronavigation mit relativ einfachen Mitteln im Handling auf dem Schiff, jedoch auf Basis der komplexen Berechnungen im Nautischen Jahrbuch, herausgegeben vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Unter der ausgebaumten Genua und dem durch die Bullentalje gesicherten Großsegel segeln wir in der durch die Squalls aufgewühlte See den Karibischen Inseln entgegen. Das Etmal am Tag 18: 185 sm. Die letzten 24 Stunden auf See sind bei dieser ARC 2008 angebrochen - so hoffen wir bzw. darauf arbeiten wir bei aller Empathie und Sympathie für das Meer hin. Eine letzte Nachtfahrt unter nahezu vollem Mond in bewährter Bordroutine und doch voller Konzentration und Respekt vor der Natur. 12. Dezember 2008 Fortsetzung folgt... |




