Der Hochseetörn nach New York hatte es in sich
Zunächst begann alles wie geplant. Im Südwestquadranten des Hochs über den westlichen Nordatlantik haben wir leichte achterliche Winde und segeln unter Spinnaker dem Golfstrom entgegen. Dieser Fluss im Meer strömt durch die Straße von Florida gen Norden und erreicht Geschwindigkeiten von 2 bis 4 kn. Mit Erreichen des Golfstroms verändert sich das Wasser. Dieses Phänomen ist auch nachts wahrnehmbar. Erst vermuteten wir Delphine, bis wir erkannten, dass am Rand des Golfstroms durch die gegenläufigen Wasserströmungen floureszierendes Kabbelwasser an Deck spritzte. Mit der vollen Intensität des Golfstrom und Rückenwind segeln wir mit 10 kn Fahrt über Grund gen Norden.
Im weiteren Törnverlauf wird die Wetterlage zunehmend instabil. Der Wind wird schwach und unstetig und aus segeltaktischen Entscheidungen geraten wir an den Rand des Golfstroms.
Das Aufeinanderprallen der heißen Luftschichten über den Golf von Mexiko sowie den kalten Luftströmungen polaren Ursprungs aus dem Norden führt auf dem Atlantik vor der Südostküste der U.S.A. immer wieder zu elektrostatischen Aufladungen, die sich in Blitzen entladen. In einer Nacht erreicht ein Seegewitter mit Schauern, böigem Starkwind, Donner und Blitzen eine Intensität, die uns die Segel bergen und das Ruder feststellen lassen. Die gesamte Crew verholt sich in den Salon, während die Yacht vor Topp und Takel lenzt. Der Grund für diese Maßnahme sind die Blitze, die die nächtliche Szenerie um uns herum grell erleuchteten. Dies zu Erleben ist der Inbegriff höherer Gewalt.
Das Seegewitter zieht durch und wir nehmen den Bordbetrieb mit unserem bewährten Wachsystem wieder auf, segeln erneut in den Golfstrom hinein. Wir haben Zeit verloren und zu allem Überfluss ist uns ein kräftiges Tief mit weiteren Seegewittern auf den Fersen. Das bei der charismatischen ‚Shore‘-Crew über Satelliten-Telefon eingeholte Update der US-Gribdaten führt zum Anlaufen von Southport in North Carolina. Just in time – wenige Minuten nachdem die Charisma gut vertäut im Hafen liegt verdichteten sich tiefgraue Wolken, aus denen es wie aus Kübeln schüttete.
Wir entscheiden uns für zwei Hafentage und lassen das Tief nach Osten durchziehen. Der Zwischenstopp bringt die ungeplante Entdeckung der Landstriche rund um Bald Head Island und sehr angenehme Begegnungen mit gastfreundlichen Amerikanern. Mit der bevorstehenden Rundung des Cape Hatteras setzen wir unseren Hochseetörn auf der Rückseite des Tiefs fort. Vor dem Kap erwischt uns eine schwere Sturmböe, die die Charisma nur unter Vorsegel segelnd, bei achterlichen Winden in einem ‚Sonnenschuss‘ flach aufs Wasser drückt. Wir sind alle froh um die Qualität der Yacht, es ist alles gut gegangen.
Die Nachwirkungen der Rückseite des Tiefs lassen über Nacht nach, wir runden Cape Hatteras und segeln gen Norden. Das nächste Tief zieht aber bereits heran und lässt die Barographen-Kurve nach unten fallen. Auf der Vorderseite des Tiefs herrschen jedoch noch angenehme Segelbedingungen. Auf der Höhe von Ocean City setzt steifer Starkwind aus N-NW ein und lässt uns bei Dunkelheit innerhalb der Landabdeckung vor Anker gehen. Am folgenden Morgen fahren wir in den Hafen und machen längsseits an einem Fischerboot fest. Es ist sinnvoll die im Barographenverlauf steil ansteigende Front durchziehen zu lassen.
Am Nachmittag ist es bei hohem Luftdruck soweit, dass wir unsere letzte Etappe nach New York antreten können. Der Durchhaltewillen, die Kameradschaft und exzellente Seemannschaft der zu einem Team zusammengewachsenen Crew wird mit Erreichen von New York belohnt. Wir ankern südlich der Skyline. Am nächsten Tag steuern wir bei schönstem Wetter, vorbei an der imposanten Freiheitsstatue in die Metropole und machen schließlich in der Liberty Landing Marina fest.
Wir feiern den Abschluss einer der Top Segeltörns auf der SY Charisma und haben auch schon das Crewtreffen im Heimathafen Hamburg beschlossen…
Karibisches Segeln
Saisonauftakt 2012