Unsere Erlebnisse

Auf Wellen tanzende Segelboote. Musterentwurf

Musterentwurf, Gouache, Wolfram Claviez

Was ist segeln?

Segeln ist eine Kunst, die nicht restlos erlernbar ist. Man könnte vielleicht eine Annäherungsformel setzen; ich schlage folgendes vor:

      Seemännisches Können * (Instinkt + Erfahrung)*2
S = ------------------------------------------------------------------------------------ + a
      Hilfsmotor – Wetterbericht

Wobei a ein schwer zu definierendes Glied ist, das Begabung und Leidenschaft für die Sache einschließt. Für den Dreieckszirkus kommen heute noch Faktoren hinzu, die nicht unbedingt auf der positiven menschlichen Seite liegen; deshalb interessieren uns diese Sektoren nicht besonders. Doch allein auf weiter Flur den Elementen abtrotzen was möglich ist, kein Land und kein anderes Schiff in Sicht, das  ist die Krone des Segelns. Da ist man Odysseus nähre, als wenn man den Homer paukt. Wir durchliefen an jenem Abend noch das ganze Smalands Fahrwasser. In dem winzigen Hafen Bogö verbrachten wir die Nacht. In dieser Gegend hatte Hagelschlag in jener Gewitternacht die gesamte Ernte vernichtet. Hatten wir an diesem Tag schon eine beachtliche Segelei hinter uns, war es doch nur ein schwacher Auftakt zum nächsten. Wir wollten uns die berühmten Kreidefelsen von Möns Klint von See her besehen. Klintholm oder Rödvig waren je nach Windverhältnissen das nächste Ziel. Frischer, später steifer Südwest peitschte uns vorwärts. Für die ersten 21 Seemeilen brauchten wir genau drei Stunden. Wir jagten um Möns Klingt herum, beeindruckt von dieser monumentalen Kulisse, da sage Stüermann trocken: „Heut‘ abend Tivoli“. Das zwang selbst Smutje ein herzhaftes Lachen ab. Sie war nämlich schon ein bisschen still geworden und hatte einen Ausdruck, den ich genau bei ihr kenne und gar nicht allzu sehr schätze. Er deutet stets darauf hin, dass irgendwie dicke Luft ist. Diesmal galt das nicht im übertragenen Sinn, sondern wirklich war die dicke Luft gemeint, die unsere Schiffchen auf neu Knoten Spitzengeschwindigkeit trieb. Käpt’n und Stüermann – dieser ist so alt wir Sir Francis und demselben wie aus dem Gesicht geschnitten – sahen sich kurz vielsagend an, was so viel bedeutete „Lot wi die Plünnen stohn?“ Dann machten bei „hm“, was so viel hieß wie „Tjä, raumschots kann he dat wohl av“. Dann befahl der Käpt’n : Herr mit dem Teacher (Teacher’s Highland Cream, Old Scotch Whisky), und das Rennen begann. Es war die höchste und schönste Form des Rennens, das Rennen gegen sich selber. Es gab keine Konkurrenten.

Wir atmeten immer auf, wenn der Wind eindeutig raum kann und sahen es gar nicht gern, wenn er zwischendurch immer mal auf Süd drehte. Unser Kurs war ziemlich genau Nord. Es blieb nicht aus, als Amager in Sicht kam, noch einen tüchtigen Schlag auf dem anderen Bug machen mussten, um Lee zu gewinnen. Die Kuhwende mit dem regennassen Segeln klang wie Maschinengewehrfeuer aus nächster Nähe.

Im Großen und Ganzen war das Wetter nicht bösartig, nur in einzelnen Böen frischte es bis 7 auf. Die letzten zwei Stunden wurde es ruhiger und wir liefen spürbar langsamer. Zum Schluß sogar am Wind. Als wir um 19:30 Uhr beim Königlichen Yachtclub in Kopenhagen festgemacht hatten, waren wir 11 Stunden unterwegs, in denen wir 68 Seemeilen zurückgelegt hatten! Trotz der Verzögerung zum Schluss, hatten wir  also 11 Stunden lang eine mittlere Geschwindigkeit von mehr als 6 Knoten gehabt. Die Stromversetzung war unbedeutend, schätzungsweise eine Viertelmeile zu unseren Gunsten. Urlaub, herrliches Leben der Kontraste. Vier Tage genossen wir Kopenhagen. Schon im letzten Jahr hatten wir einen beträchtlichen Teil unseres Urlaubsgeldes in Illums Bolighus abgeladen; so auch dieses Mal. Erstens macht shopping auf Reisen sowieso viel mehr Spaß. Man hat Zeit und genießt das Leben sorgloser, doch darüber hinaus gibt es in Hamburg leider kein Geschäft, das sich mit diesem vergleichen ließe in seiner aparten Mischung von Geschmack, Qualität und Lebensfreunde. Ein „Center of modern design“. Sodann nahmen wir uns Zeit für Kunstmuseen, abends ging es ins Tivoli, Sonntags besuchten wir einen Gottesdienst in der schönsten und ältesten Kirche Kopenhagens. Als wir am vierten Tag weiterschippern wollten, war Totenflaute mit Regenwolken. So blieben wir im Yachthafen, snakten mit den Lü und gaben uns heiteren Betrachtungen hin. Neben uns an Backbord lag eine schmucke Yacht, die sich am Tage unserer Rekordfahrt den Mast abgesegelt hatte, an Steuerbord ein großer schwarzer Kutter mit Gaffeltakelung und einem mordmäßigen Klüverbaum –, ein Schiff aus der Welt Joseph Conrads und gepflegt, wie man es sich besser nicht vorstellen kann. Belegnägel, Wantenspanner und Relingstützen waren aus Messing und wurden täglich blitzblank gewienert. Das ganze Schiff war ein einziger Protest gegen das Primat des rationell Ökonomischen unserer Zeit, dass sich auf die kurze Formel Kunststoff + Nirosta reduzieren lässt. An Deck saß eine zigarrenrauchende Prinzipalin, die immerfort rechnete. Ob Börsenkurse, Wettersysteme oder Proviantausgaben, habe ich nicht zu ergründen versucht.
Ein anderes Boot mit drei jungen Deutschen wollen wir 85% aller deutschen Yachten, die man in Dänemark trifft, „mal eben nach Anholt rüber“. Es bestand kein Zweifel, dass das bei der momentanen Wetterlage Blödsinn war, aber was soll man anderes sagen als „Viel Vergnügen“!? Diese Wetterlage bestand aus Regenflaute mit anschließendem hartem Nordwest.

 

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