Unsere Erlebnisse

Raumschots, Kurs Nord

Aquarellskizze, Wolfram Claviez

Windstärke Null

Früh sah uns der nächste Morgen auf See. Nichts erinnerte an das Galamonsterfeuerwerk aus der Nacht, als ein unwahrscheinlich sauberes Deck. Es wehte ein frischer Südwest, der uns in schneller Fahr bei selbstgewählter Beschränkung bis Spodsbjerg brachte. Die selbstgewählte Beschränkung basierte zum Teil auf Rücksicht auf Smutje, weil das Geigen platt vor dem Laken auf Nordostkurs wirklich nicht angenehm war, zum anderen auf einer echten Undurchsichtigkeit der Wetterlage, und drittens: was soll man erzwingen, was einem morgen von Selbst in den Schoß fallen würde? Der lange Nachmittag und Abend in Spodsbjerg brachte uns dann zwar frische Erdbeeren, aber auch das uneingestandene Gefühl, dass man eine exorbitante Schiebebriese, die noch lange anhielt, auch nicht ganz stichhaltigen Gründen verspielt hatte.

Nun, dass ließe sich nachholen. Um halb vier (!) war der Käpt’n am nächsten morgen hoch und um vier die Crew. Vor sechs schwammen wir auf dem Großen Belt bei herrlicher, ruhiger Sommerbrise – Brise? Sie erstarb uns auf den Lippen, in den Segeln, unterm Kiel; Windstärke Null. Nach vier Stunden Kurs Norden zu Südwestosten kam uns eine Mordsidee. Irgend jemand fiel plötzlich ein: Mensch, wir haben doch einen Motor! Wie einen Motor? Ach ja richtig. Da lag das Ding auf dem Achterschiff, müde vor sich hin stinkend, in eine ölige Persenning gehüllt und brütete auf Rache. Er wurde angeschmissen, lief ein wenig dann erstarb auch er; für immer. Gott sei Dank stieß der Käpt’n erleichtert hervor, jetzt sind wir ein reines sailship. Diese ewigen Rückversicherungen „notfalls haben wir ja einen Motor“ hingen ihm schon lange aus dem Hals heraus und nur mit Mühe konnten Stüermann und Smutje ihn daran hindern, die Einzelteile voller Wollust im Großen Belt zu versenken.

Mit Mühe und Not, bei feinem Landregen, erreichten wir am späten Nachmittag, bei Südwest 0-1 halb schlafend, feucht und leicht deprimiert Onsevig. Smutje machte kluge Bemerkungen über die geheimnisvolle Identität von der Führung eines Segel- und Lebensmittelschiffes – das Nichterzwingenkönnen, die verpasste Fortune, die unerwarteten Ereignisse, und manch andere Relationen. Doch aus der Not eine Tugend zu machen, fiel uns in Onsevig nicht schwer. Im Grunde ist es ein Hafen, wie wir ihn suchen, man könnte seinen Urlaub dort verbringen. Aber wer mach schon Station am Anfang einer Reise? Wir nicht. Im Gegenteil, alles Versäumte wurde wieder reingeholt. Schon an dem folgenden Tag, der zunächst gar nicht nach Segeln aussah. Wir starteten mittags bei Regen und schwachem Westwind, mit dem Gefühl der Regen müsse bald aufhören, der Wind bleiben. Und so kam es dann auch.

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